„Die wirklichen Heldinnen hier sind Gabi und Elisabeth“ – Bendl-Betreiber Jürgen Bauer im Interview

Bierdeckel schwirren durch die Luft. Aus Würfelzucker, Kaffeebohnen und Schnaps wird Koks. Der Wurlitzer schmettert unermüdlich vor sich hin. Das Café Bendl ist Legende und Betreiber Jürgen Bauer der Bewahrer eines Stücks Beislgeschichte.

© Katharina Jauk

„Diese drei Stufen wirken einfach“, erklärt Jürgen Bauer, Betreiber des Café Bendl, und deutet zum Eingang seines geschichtsträchtigen Lokals an der Landesgerichtsstraße, nur einen Steinwurf vom Rathaus entfernt. Es ist mehr ein Hineinstolpern als ein Betreten, lässt man sich auf eine Nacht im „Bücke dich“ ein, wie der Volksmund zu sagen weiß.

Man muss das Bendl auch im übertragenen Sinne mit gebücktem Haupt betreten. Es gilt dem mit Patina überzogenen, ehrwürdigen Etablissement mit Ehrfurcht gegenüber zu treten, denn sonst spuckt es einen nach der dritten Runde „Koks“ wieder aus. Ein umwerfender Odor aus Bier und Tschick durchdringt jede einzelne Pore. Die Zigaretten passieren beinahe stangenweise den Tresen. Im Hintergrund dudelt der Wurlitzer. Er spielt Reminiszenzen an das Wienerlied und an amerikanische Surfmusik aus den 1960ern. Jegliche Raum-Zeit-Vorstellung wird hier obsolet, der Geist der Vergangenheit erfüllt das zwei Zimmer kleine Café.

Du zündest dir eine Zigarette an, weil es anders nicht geht. So schnell kannst du gar nicht schauen und schon hast du ein Bier in der Hand. Du setzt dich hin und beobachtest. Das Bendl sucht sich sein Publikum und umgekehrt. Hier geht es nicht ums Gesehen-Werden. Hier soll jeder mit jedem irgendwie auskommen. Aber keine Sorge, das Bendl bringt euch schon zusammen.

Wie es das genau macht? Das haben wir den Betreiber Jürgen Bauer gefragt. Nach Bendl-Liebe folgt nun ein Vier-Augen-Gespräch, in dem der passionierte Yogalehrer über seine Liebe zum Alkohol spricht, erzählt wie ihn das Kaffeehaus prägte und wie er einst Elfriede Jelinek fast vergiftete.

© Katharina Jauk

Wie lange sind Sie schon Betreiber des Café Bendl?

Ich bin jetzt quasi ein Jahr hier.

Sie verantworten Events wie Albert & Tina, den Almdudler Trachtenpärchenball, neuerdings das Café Cobenzl und eben das Café Bendl. Wie passt das Café Bendl in dieses sehr bunte Portfolio? Was war der Beweggrund für die Übernahme?

Ich bin ja seit 35 Jahren in Wien und ich habe im Café Alt Wien als „Glasler“ angefangen. Ich war nicht einmal Schankhilfe, sondern Glasler. Das bedeutet, ich war nur für das Spülen der Gläser zuständig. Ich bin nach Wien gekommen, weil hier ein sehr guter japanischer Karatemeister gelebt hat. Ich habe zu der Zeit sehr intensiv Karate gemacht und in Berlin, wo ich zuvor gelebt habe, kannte ich da niemanden. Ich habe täglich zwei Mal trainiert und bin anschließend ins Café Alt Wien. Der Job als Glasler hat sich gut ergeben. Um 22 Uhr war Beginn und es ging bis drei, vier Uhr in der Früh. Ich bin dann Kellner geworden und nach eineinhalb Jahren war ich Geschäftsführer. Das ging relativ schnell. Ich hab quasi die Wiener Kaffeehauskultur aus allen Positionen von ganz unten bis ganz oben kennengelernt.

Sie haben den amerikanischen Traum gelebt …

Ja. (lacht) Ich bin ja eigentlich, wie sagt man, highly overeducated. Ich bin diplomierter Wirtschaftsingenieur, habe aber keinen Tag in diesem Feld gearbeitet.

Wie haben Sie das Wiener Kaffeehausleben wahrgenommen?

Vor 35 Jahren, da habe ich dieses Wiener Kaffeehausleben sehr intensiv genossen. Ich hab schon nachmittags angefangen zu trinken. Ich kann bei mindestens 10 bis 15 verschiedenen Alkoholsorten stimmungsmäßig ganz genau beschreiben, wie sie wirken.

Zum Beispiel?

Cognac, Whiskey, Marillenbrand oder Himbeerbrand wirken alle verschieden. Mit einem Cognac gleitet man anders in den Abend hinein als mit einem Brand. Ich habe da so eine Theorie: Zum Trinken muss man sich 48 Stunden Zeit lassen, sonst funktioniert es nicht. Ich fange abends an, da kann es auch schon mal später werden. Dann schlafe ich aus, habe aber noch einen Pegel am nächsten Tag. Am Nachmittag lege ich ein bisschen nach, aber nicht zu viel. Der zweite Tag ist dann der Erkenntnistag, an den man „floaten“ kann. Da spielt es sich bei mir voll ab. Um 22 Uhr bin ich dann spätestens im Bett. Am nächsten Tag bin ich wieder frisch, da darfst du aber nicht nachlegen, da muss man aufhören. Alkoholiker können das meistens nicht.

Sie trinken also gerne und viel, schätzen aber den gepflegten Konsum?

Ja, ich hege große Sympathie für den Alkohol. Ich habe sehr viel getrunken, ohne ein Säufer zu sein. In dem Zustand des „Floatens“ habe ich einige Kaffeehausliteraten kennengelernt – wie zum Beispiel den Helmut Qualtinger. Der war meistens total betrunken und wenn ich Dienstanfang hatte, hat ihn meistens seine Freundin schon abholen müssen. Elfriede Jelinek habe ich einmal mit einer Knoblauchsuppe „vergiftet“. Da wird sie sich heute noch daran erinnern.

Ist sie dann wirklich im Krankenhaus gelandet?

Nein. Die Elfriede war ein bis zwei Mal bei uns im Lokal, zum Beispiel im Café Stein. Sie hat immer eine Kleinigkeit gegessen. Unten in der Küche hat der Koch 10 bis 15 Knoblauchzehen in einer Suppenschüssel für den nächsten Tag vorbereitet und der Kellner hat aus Versehen in diese Schüssel die Suppe hineingegeben. Die Elfriede hat alle gegessen, weil sie geglaubt hat, die gehören dazu. Danach war sie für drei Tage völlig erledigt. (lacht) Sie hat sich aber nie bei mir beschwert. Die Elfriede ist eine der unglaublichsten Personen, die ich kennengelernt habe. Ein sehr guter Freund von ihr war mein bester Kaffeehausfreund.

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