Kopf des Tages

Ewald Tatar macht seit Jahrzehnten die heimische Musikszene zu einem besseren Ort. Nach zahlreichen Umbrüchen im letzten Jahr war es höchste Zeit für ein direktes Gespräch.

Auch wir waren nicht immer fair zu dem wichtigsten Musikveranstalter Österreichs. Ausgewogen schon gar nicht. Irgendwann, ungefähr 2010, hatte die Barracuda Music GmbH alle Zügel in der Hand. Egal ob Madonna, Metallica, Justin Timberlake, LCD Soundsystem oder Klaxons – fast alles lief über sie. Man kannte Geschichten. Ja Panik schrieben ein Pamphlet, als sie nach Berlin auswanderten. Bilderbuch sagten, sie würden diese Firma so halb im Scherz immer als »Mafia« bezeichnen.

Die Zeiten, als Barracuda fast beliebig agieren konnte, sind nun spätestens seit letztem Sommer vorbei. Links und rechts kommen Veranstalter aus dem In- und Ausland mit ihrem eigenen Konzerten, Festivals und Events. Von manchen Personen und Dingen musste sich Barracuda trennen. Keine Festivals mehr in Wiesen. Kein Urban Art Forms mit Christian Lakatos. Wankt der Riese also? Ewald Tatar, ein ausgesprochen freundlicher Mensch und mit Harry Jenner der Chef von Barracuda, würde das so wohl nicht sagen.

Hast du die Handynummer von Campino?

Nein. (lacht) Privatnummern von Künstlern hat man in den seltensten Fällen. Ich versteh, dass man seine Privatsphäre haben will. Da muss man als Booker auch für so etwas wie »Voices For Refugees« den offiziellen Weg gehen, also über den Agenten. Es gab aber sofort Interesse. Weil die Toten Hosen nicht auf Tour und über den Globus verteilt waren, hat das eine Woche gedauert, bis klar war, das können sie in der kurzen Zeit umsetzen.

Das war natürlich eine tolle Sache. Da kann man sich nur bedanken, auch bei allen Bands und Beteiligten. Das war ein Zeichen, dass man auch in diesem Geschäft zusammen hält und man an einem Strang zieht. Da hat niemand etwas verrechnet. Logistisch war es eine große Herausforderung, aber so angenehm zu arbeiten wie noch nie. Normalerweise weiß man ja in etwa, wieviele Leute zu einem Konzert kommen. Das war da anders und weit mehr, als ich mir erträumt hätte.

Wie viel wurde bei Voices For Refugees gespendet?

Momentan wird das noch ausgerechnet, weil ich ja nur die Veranstaltung umsetzen und programmieren durfte. Spendengelder gesammelt und ausgerichtet hat die Volkshilfe. Meines Wissens war es jedenfalls sechsstellig. [Anm., es sind 300.000 Euro, die am Heldenplatz und online gespendet wurden. 200.000 davon über Sponsoring.]

Hast du dir den »Kopf des Tages« im Standard eingerahmt?

Na (lacht). Ich hab das Interview schon vergessen gehabt, war an dem Tag auf einen Kaffee, habe mir den Standard durchgeblättert und mir gedacht, hoppala, den kenne ich. Ich hoffe, es ist jetzt keiner böse, aber ich habe mir das dann nicht mitgenommen.

Du machst in Richtung Charity nicht nur das …

Für die Volkshilfe organisiere ich seit ein paar Jahren die Nacht gegen Armut im Arkadenhof des Rathaus’. Das ist für Kinder aus schweren Verhältnissen. Auch beim Nova Rock hatten wir gemeinsam Busse mit Kindern einen Tag bei uns. In der Stadthalle gab es einen Tsunami Benefiz.

Wie hoch war euer Anteil am Festivalmarkt heuer – es gibt ja noch diese Bezeichnung »Mafia« für euch …

Wie hoch das in der Mafiosi-Zeit war, oder?

(Lachen) … da hat sich einiges getan.

Prozentuell ist das schwer zu sagen. Man kann sagen, der Markt hat sich klar bewegt. Die uns oft angekreidete Monopol-Position existiert nicht mehr. 2016 wird das wieder anders sein, auch wegen der Wiesen-Festivals, die nicht mehr wir veranstalten. Es gibt das Lake, das Electric Love, das Rock In Vienna und eine Menge andere. Willst du echt eine Zahl hören? Ich schätze 50 oder 60 Prozent, aber ich weiß es nicht. Man muss damit umgehen, wie es ist.

Habt ihr Besucherzahlen von den anderen? Das Rock in Vienna hatte wohl mit viel mehr Besuchern gerechnet …

Die DEAG hat mich schon 2013 gefragt, ob ich bei dem Festival dabei sein möchte. Ich habe abgelehnt, weil ich in so kurzem Abstand kein zweites Rockfestival in dieser Größe sehe. Da wird man sich die Butter vom Brot nehmen – was teilweise so war. Zum Glück hat das Nova Rock weit besser als das Rock In Vienna funktioniert. Wir hatten früher wenig Konkurrenz, jetzt wieder relativ viel Konkurrenz. Deshalb stecken wir nicht den Sand in den Kopf. (lacht) Es hat wenig Festivals gegeben, die die Zahlen aus dem Vorjahr erreicht haben. Wichtig wäre, dass sich das so regelt, dass jeder davon leben kann und man sich nicht gegenseitig umbringt. Ich glaube, auf dem Weg sind wir langsam.

Wundert dich, dass es das Rock in Vienna heuer noch gibt?

Nicht so. Der Plan war, gleich im ersten Jahr einen Mega-Event aus dem Boden zu stampfen. Das hat man sich offensichtlich einiges kosten lassen und versucht jetzt zu bewiesen, dass dieses Investment richtig war. Spannend wird das heuer. Man wird sehen, ob sie das noch ein drittes Mal beweisen müssen.

Bei euch war mal FKP Scorpio beteiligt. Ihr habt euch da erfolgreich rausgekauft und seid jetzt vollkommen eigenständig?

Genau.

Nach einigen Jahren, in denen Live als Rettungsanker der Musikindustrie gegolten hat, stagniert der Markt heute. Ist die Situation in Österreich normal?

Dass ein Aktien-Unternehmen wie die DEAG in einen neuen Markt reingeht, ist ganz normal. Sie gehen auch mit zwei Festivals in die Schweiz. Download macht was in Paris. FKP Scorpio geht nach Österreich und in viele skandinavische Märkte. Der Markt ist lange gewachsen und gerade in Bewegung. Ich glaube, dass sich vieles einspielen und stabilisieren wird. Schau mal in die Schweiz, da gibt es viel mehr und viel größere Festivals, dort funktioniert das seit Jahrzehnten. Der Markt schafft nur ganz gewisse Dinge nicht, zwei ähnliche Festivals an zwei Wochenenden hintereinander. Ich muss sagen, wir haben auch mit dem Frequency am selben Wochenende wie dem Lake Festival eine dumme Situation geschaffen. Jeder hatte schon Offerte draußen. Das Lake war davor nur einen Tag. Von uns dumm. Und blöd gelaufen. Das war mit einem vernünftigen Gespräch gelöst. Das Sziget Festival in Budapest war weniger ein Problem, wir sprechen miteinander. Das läßt sich super kombinieren.

Gibt es von euch Pläne für Ost- und Südeuropa?

Die hat es schon gegeben. Wir haben zweimal das Sonisphere in Tschechien gemacht, in Kroatien zwei Festivals, in der Slowakei. Wir haben zwei Jahre gebraucht, bis wir kapiert haben, eigentlich braucht uns dort keiner. Wir hatten lokale Partner, weil jeder Markt anders ist. Volbeat füllt hier die Stadthalle und in Prag kommen tausend. Oder umgekehrt.

Parov Stelar füllt mittlerweile hier Hallen. Manchmal wirkt das so, als wäre er im nahen Ausland ständig Headliner.

Also vor Parov Stelar muss ich meinen Hut ziehen. Mittlerweile haben die in den USA bei ihren Shows 5.000 Leute. Wahnsinn. Da muss man froh sein.

Apropos. Kendrick, Rae Sremmurd oder Snoop Dogg waren erstmals da. Das war für Fans natürlich riesig, aber kann sich das ansatzweise ausgehen?

Wir sind genau in diesem Prozess, herauszufinden, was sich trägt. Kendrick, das ist eine ideologische Frage. Man bucht oft Bands, die überbezahlt sind, aber die man haben will. Wie viele Tickets wir wegen ihm verkaufen, die seine Gage rechtfertigen, kann ich gar nie verlässlich sagen. Fakt ist, dass das Feedback super war. Die Entscheidung hat das bewegt, was wir uns erhofft haben.

Andere stehen sich manchmal mit ihrem Geschmack im Weg. Skalar hat immer vernünftig kalkuliert. Ein wenig Neues, aber auch Acts, die verlässlich ziehen.

Ich buche ja auch zwei Drittel unserer Shows. Ich hab immer gesagt, wenn ich an den Punkt komme, dass ich die Lust an der Musik verloren habe und merke, ich komme nicht mehr mit – solange werde ich das machen. Ja, ich erfülle mir manchmal Wünsche. Man bucht oft Bands, die überbezahlt sind, die man aber haben will. Ich komme aus Wiesen. Für mich waren meistens die Überraschungen die Highlights und weniger das, warum ich überhaupt auf ein Festival gegangen bin. Das braucht ein Festival.

Weiter zum Verhältnis mit Wiesen, dem besten Nova Rock aller Zeiten und österreichischer Musik.

Bild(er) © Marija Kanizaj, Jana Sabo, Nova Rock, Rene Huemer
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