Olivier Assayas im Gespräch über seinen Film „Personal Shopper“ mit Kristen Stewart

Geister, Fashion-Industrie, die Rekonstruktion des Selbst – Olivier Assayas neuer Film „Personal Shopper“ thematisiert vieles zugleich. Der Regisseur im Gespräch mit The Gap über die Geister um uns und mehr.

"Personal Shopper"
© Carole Bethuel
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Maureen (Kristen Stewart) steckt fest. In Paris, in der Vergangenheit, in ihrem Leben und in ihrem Versuch, Kontakt mit ihrem kürzlich verstorbenen Zwillingsbruder aufzunehmen. Um sich das Leben in Paris leisten zu können, arbeitet sie als persönliche Einkäuferin für It-Girl Kyra (Nora von Waldstätten). Olivier Assayas arbeitete schon in seinem vorigen Film „Clouds of Sils Maria“ mit Kristen Stewart zusammen und wurde für „Personal Shopper“ in Cannes mit dem Best Director Award ausgezeichnet. Wir trafen den Regisseur in Wien und er erzählte uns von den Geistern, die uns alle umgeben, den intermedialen Bezügen in seinen Filmen und warum er ein so großer Fan von Kristen Stewart ist.

Szene aus "Personal Shopper"
Szene aus „Personal Shopper“ © Carole Bethuel

Ich denke, dass „Personal Shopper“ verschiedene Themen in einer außergewöhnlichen Art behandelt. Was war der Ausgangspunkt für Sie, um diesen Film zu machen?

Es war der Charakter der Maureen, die diese Spannung durch ihren Brotjob, den sie ausübt, um ihre Miete zu bezahlen und in Paris überleben zu können, verkörpert. Durch ihre Einbildungskraft und ihre innere Welt findet sie eine Art Bedeutung. Dieses Thema ist sehr einfach und in gewisser Weise kennen wir es alle. Und dann hat es sich in verschiedene Richtungen entwickelt.

Der Film ist auch schwer in ein Genre zu stecken. Wie sieht Ihre Meinung zu Genres und Labels aus?

Ich mache Filme, ich denke nicht in Genres. Ich mache Filme, die sich primär um bestimmte Charaktere drehen und menschliche Gefühle thematisieren, und wenn ich einen Film drehe, dann nutze ich die Elemente, die ich brauche, um die Geschichte erzählen zu können. Ich denke, dass bestimmte Genres bestimmte Gefühle beim Publikum erwecken, und das sogar auf einer physischen Ebene. Wenn das Publikum etwa Furcht verspürt, dann zeigt sich das auch physisch.

Der Film nutzt auch unterschiedliche Kunst und Literatur, er funktioniert quasi intermedial. Wie lange brauchen Sie, um die richtigen Kunstwerke zu finden und warum ist diese Art von Intermedialität wichtig für Sie?

Ich denke, das muss auf eine natürliche Weise geschehen. Ich mag dieses gewisse Echo, das die Dinge von einer Szene in die nächste erzeugen, dieses ergibt ein bestimmtes lineares Narrativ. Ich mag es auch, wenn ich ein bestimmtes Element finde, das eine weitere Dimension für die Geschichte mit sich bringt, in diesem Fall eine Dimension vergangener Natur. Es ist einerseits eine Collage, aber andererseits funktioniert so unser Gehirn, eben dass eines zum anderen führt. Wir denken, dass das zufällig ist, aber ich denke, es hat Bedeutung. Ich bin daran interessiert, wie dies in uns ein Echo erzeugt.

In Interviews haben Sie vor allem die Bedeutung der Künstlerin Hilma af Klint herausgestrichen. Warum waren sie und ihr Zugang zu Kunst für Sie wichtig?

Sie hat die Beziehung zwischen Spiritualität, die sehr präsent in den modernen westlichen Kulturen des 19. Jahrhunderts ist, und moderner Kunst und Abstraktion, etabliert. Wenn man sich Künstler wie Kandinksy, Mondrian, Malewitsch, die alle Abstraktion in der Kunst etabliert haben, ansieht, dann merkt man, dass diese alle auf unterschiedliche Art von Spiritualität beeinflusst wurden. Sie waren der Ansicht, dass Abstraktion sie mit einer Art höheren Welt in Verbindung setzt. Und Hilma af Klint, deren Werke für mehr als ein Jahrhundert versteckt wurden, ist das fehlende Glied. Sie war tatsächlich ein Medium und eine Miterfinderin der Abstrakten Kunst. Und ich denke, dass diese Beziehung zwischen Spiritualität und moderner Kunst ebenso wie die Beziehung zwischen Spiritualität und technischer Avantgarde sehr bedeutend für das Verstehen der Revolutionen des 20. Jahrhunderts und westlicher moderner Kulturen ist. Das zieht sich durch den ganzen Film und gibt Maureens Charakter eine gewisse Bestätigung: Sie versucht, mit Geistern zu kommunizieren, und diese Künstler haben das ebenso getan.

„Personal Shopper“ setzt sich auch mit Kommunikation in verschiedener Weise auseinander. Kann man sagen, dass Ihr Film ein Kommentar über unseren Drang nach und unsere Probleme mit Kommunikation ist?

Der Film zeigt das, was wir immer tun, in einer narrativen Weise. Textnachrichten zu schreiben ist Teil unseres Lebens geworden. Ich denke, es hat ein interessantes und aufregendes Potential und es baut eine narrative Spannung auf. Wenn wir es aber zugleich im Zusammenhang mit Geistern sehen, dann bemerken wir plötzlich, dass es ebenso eine merkwürdige Dimension in sich birgt. Wir sehen es als selbstverständlich an, aber es ist auch ziemlich merkwürdig, wie unser Smartphone sich durch unsichtbare Verbindungen mit Menschen aus aller Welt verbinden kann.

"Personal Shopper"
„Personal Shopper“ © Carole Bethuel

Weiter zu: Die Existenz von Geistern, unser ambivalentes Verhältnis zu Luxus und das Talent der Kristen Stewart

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