Das Ende des Thigh Gaps

Die US-Vogue und der nächste Pirelli-Kalender zeigen Plus-Size-Models in Unterwäsche: Ein Kampf für neues Körperbewusstsein, brillantes Marketing oder eine längst überflüssige Diskussion? Wir haben darüber mit österreichischen Modeprofis gesprochen.

Die Models in der aktuellen Fotostrecke der US-Vogue und im Pirelli-Kalender, der vor kurzem in Mailand vorgestellt wurde, haben keine hervorstehenden Hüftknochen, Thigh Gaps, eingefallene Wangen oder spitze Schulterblätter – sondern eine Sanduhrenfigur und ein wohlgeformtes Dekolleté. Es wurde viel geliked, geteilt, gepostet, gezwitschert. Neu ist die Idee nun nicht. Prinzipiell kann man diese Normalisierung und Vielfalt der Darstellung von weiblichen Körpern eigentlich nur begrüßen. Aber was davon bleibt? Wir wollen nun wissen, wie Medien und Designer in Österreich mit dem Thema umgehen.

Das Zeitalter der Kontroversen oder: Hört auf, darüber zu diskutieren.

Kim Kardashian zeigt aller Welt ihren prallen Derrière, der Pirelli-Kalender präsentiert die kurvige Candice Huffman, die TV-Show "Curvy Girls" filmt das Leben von aufstrebenden Plus-Size Models und Lena Dunham ist sowieso schon längst eine Ikone: Es scheint, als ob sich da in Sachen "Schönheitsideal" einiges tut. Aber ist die Branche schon bereit dafür?

Tanja H. leitet das Moderessort der österreichischen Zeitschrift Miss. Sie erklärt uns aus ihrer Sicht, was es mit dem Plus-Size-Trend auf sich hat: "Ich denke, es geht wieder einmal darum, zu polarisieren. Alle Jahre wieder schüttelt sich irgendwer eine Plus-Size Strecke aus dem Ärmel oder setzt auf das Konzept von Zero-Tolerance-Policy on Size Zeros."

Simon Winkelmüller ist Stylist und sieht das ähnlich: "Meiner Meinung nach handelt es sich hierbei um ein ‚Quoten‘-Editorial. Ich denke, dass sich der ’schlanke‘, ausgewogene, gesunde Lebensstil einfach besser vermarkten lässt." Auch Designer Mark Stephen Baigent sieht in dem Hype etwas Scheinheiliges: "Der allgemeine "Gutmensch-Trend", der gerade umgeht, hat eben auch was von einer Doppelmoral. Ich denke, dass die Vogue einfach auch dem Trend der "Natürlichkeit" nachkommen möchte. Ob das wirklich ernstgemeint ist, weiß ich nicht – aber es wäre zu hoffen."

Es scheint also, dass Plus-Size momentan intensiv als Marketinginstrument eingesetzt wird. Models wird sogar geraten, sich entweder auf eine Modelgröße runterzuhungern, oder gleich zuzulegen, um als Plus-Size Model durchzustarten. Ob man zukünftig Übergrößen und die klassischen Modelmaße gemeinsam über den Laufsteg schweben sieht? Stefanie Hinterauer ist Redakteurin beim First-Magazin und sieht die Etablierung von Plus-Size im Vogue-Kosmos eher kritisch: "Dafür müsste sich die gesamte Fashion-Industrie um 180 Grad drehen – leider wahr."

Talking money.

Aber warum überhaupt Size Zero? "Fakt ist, an schlanken Frauen funktioniert fast jeder Look, daher setzt man auch seit jeher auf eine kleine Kleidergröße in der Modeindustrie. Funktioniert ein solcher nicht oder sitzt er nicht perfekt, werden die Labels das spätestens beim Absatz merken", meint Tanja von der Miss.

Eifert die Gesellschaft also einem Dasein als persönlichkeitsloser Kleiderständer nach? Vera Kravanja von Woman hält das für gar nicht so unwahrscheinlich: "Das Argument, dass ich am häufigsten gehört habe und auch nachvollziehen kann ist, dass in der Mode auch ebendiese im Vordergrund stehen soll. Persönlichkeit ist hier nicht erwünscht und mitunter auch ein Grund, warum den Laufstegmodels so selten ein Schmunzeln über die Lippen kommt. So ein umwerfendes Lächeln, schöne Brüste und ein toller Hintern können ja auch schon mal schnell vom Kleidungsstück ablenken."

Mark Baigent sieht neben der Ästhetik vor allem auch wirtschaftliche Gründe: "Häufig wird mit sehr teuren Materialien gearbeitet, wo der Meter mehrere 100 € kosten kann. Je kleiner die Größe, desto weniger Ausgaben für die Prototypen." Da geht es also auch einfach nur um Kosten. Aber wie viel hat das mit "Schönheit" zu tun? Mark Baigent dazu: "Ich finde dünne Frauen sehr schön, die Mädchen sollten trotzdem essen, nicht jede ist dünn veranlagt. Außerdem gibt es viele Frauen, die ihre Kurven feiern und fabelhaft aussehen, Adele oder Beth Dito zum Beispiel. Jennifer Hudson hat mir ‚mollig‘ auch viel besser gefallen."

Seite 2: Über den Shitstorm bei Stella McCartney, Textbook-BWL und die zunehmende Diskriminierung dünner Menschen.

Bild(er) © © Pirelli Kalender 2015, Steven Meisel
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