»Heute glauben viele, dass sie schnell auf Youtube gehen und dann alles kennen« – Bernhard Günther im Interview

Unter dem Titel »Bilder im Kopf« startet am Dienstag die inzwischen 30. Ausgabe des Festivals Wien Modern. Wir haben uns mit Bernhard Günther, dem Intendanten des Festivals, getroffen um über die Entwicklungen der letzten Jahre, das bunte und vielfältige Programm und das Verhältnis von jungen Menschen zur zeitgenössischen Musik zu sprechen.

© nafezrerhuf.com

Sie sind bereits im zweiten Jahr für die Organisation von Wien Modern verantwortlich. Was hat sich geändert oder inwiefern ist auch schon eine gewisse Gewohnheit zu spüren? Geht es leichter von der Hand?

Günther: Das ist ganz einfach. Alte Fußballerweisheit: Das nächste Spiel ist immer das Schwerste.

Auch weil ihr dieses Jahr 30. Jubiläum feiert?

Günther: Das ist schon ein Jahrgang, wo wir versuchen, die Ursprungsidee des Festivals besonders schön strahlen zu lassen. Deswegen haben wir besonders viele und besonders große Produktionen auf die Beine gestellt. Als der Stardirigent Claudio Abbado das Festival 1988 mitbegründet hat, war die Idee, dass diese »seltsame« zeitgenössische Musik in die großen Säle von Wien gehört. Das ist eine einigermaßen selbstbewusste Ansage, und diese setzen wir dieses Jahr mit besonders viel Schwung und besonders großen Produktionen um.

 

Wien Modern hat im Gegensatz zu den Salzburger Festspielen oder den Wiener Festwochen ein eher geringes Budget. Finden Sie das schade oder ist es auch eine gewisse Herausforderung, aus wenigen Mitteln etwas Großes auf die Beine zu stellen?

Günther: Wien Modern hat grob gesprochen etwa ein Sechzigstel des Budgets der Salzburger Festspiele und circa ein Fünfzehntel der Festwochen. Wir müssen zwar nicht alle Aufgaben erfüllen, die etwa Salzburg oder die Wiener Festwochen erfüllen müssen, aber es werden trotzdem viele Erwartungen an Wien Modern gestellt. Es soll einen Monat lang neue Musik auf hohem Niveau in der ganzen Stadt präsentiert werden, nicht zuletzt auch in den großen Sälen und mit großen Orchestern. Zudem muss es eine Plattform für die freie Szene sein, und das nicht nur wienweit, sondern am besten auch österreichweit. Außerdem geht es darum, internationale Highlights aus diesem Kunstbereich in Wien zu präsentieren. Man kann sagen, dass Wien Modern ein Fall von der »eierlegender Wollmilchsau« ist. Das hat einerseits viele Vorteile, da wir durch die Länge und Dimension des Festivals tatsächlich erst die Vielfalt möglich machen können. Aber das Budget ist für diese Vielfalt an Aufgaben tatsächlich eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Mit vielen Gesprächen, vielen Partnerinstitutionen, von ganz großen bis zur freien Szene – heuer zum Beispiel echoraum, Künstlerhaus 1050, Christine König Galerie, Galerie Jünger, Institut Fünfhaus, der blöde dritte Mittwoch, Kunsthalle, das Institut für Medienarchäologie, ORF Kunstradio, das Wiener Akusmonium und viele andere – wird es dann jedes Mal doch wieder möglich. Es braucht aber immer wieder ein bisschen Zauberei. Es gibt heuer gleich drei Musiktheater-Companies, die in Kooperation mit dem Festival drei große Produktionen auf die Beine stellen: Das Sirene Operntheater eine Uraufführung aus den 1950er Jahren, Netzzeit mit einer Produktion, für die das Publikum auf der Schmelz zwischen ASKÖ Tischtennisraum, Altersheim und Wirtshaus herumläuft und die Neue Oper Wien mit einer Oper von Johannes Maria Staud. Würden diese ganzen Partner nicht mit ihren Produktionsmitteln einen großen Teil der Last mittragen, wäre das Festival überhaupt nicht möglich.

Der Blöde Dritte Mittwoch © Filmstill Naomi Rincon Gallardo

Sie meinten, dass die Ansprüche recht hoch sind. Ist es so, dass die Ansprüche an das Festival, was das Programm und die Vielfalt angeht, in den letzten Jahren immer mehr gestiegen sind?

Günther: Ich hab das Festival sehr intensiv in seinen Anfangsjahren beobachtet, denn ich kam in den späten 1980er Jahren nach Wien, um zu studieren, und habe mir als junger Student einige Jahre lang jedes Konzert von Wien Modern angehört. Dann habe ich noch circa zehn Jahre in Wien gearbeitet und währenddessen das Festival intensiv weiterverfolgt. Danach habe ich eine zwölf Jahre lange Wissenslücke zu Wien Modern, weil ich als Chefdramaturg in Luxemburg an der Philharmonie war. 2015, ein Jahr, bevor ich das Festival übernommen habe, habe ich mir das wieder genauer angeschaut, und bin jetzt seit 2016 selbst dafür verantwortlich. Ich kann also weniger die letzten Jahre vergleichen, sondern vielmehr zurückblicken, wie es vor 15 bis 20 Jahren war. Da finde ich, dass sich das Publikum extrem verändert hat. In den 1980er Jahren war einer der Ausgangspunkte, dass es in Wien einen Nachholbedarf diese Musik betreffend gibt, da man sie eben nirgends hören konnte. Heute glauben viele, dass sie schnell auf YouTube gehen und dann alles kennen. Ich sehe deshalb heute die Aufgabe eines großen Konzertveranstalters auch darin, die Begeisterung dafür zu wecken, sich live ungewöhnliche Dinge anzuhören. Das ist also schon ein großes Plädoyer für die Vielfalt abseits des Mainstreams.

Glauben Sie, dass das Festival dazu beitragen kann, dass sich vor allem junge Menschen mit zeitgenössischer Musik auseinandersetzen?

Günther: Sicher auf eine andere Art als 1988, denn da ging es viel stärker über Argumentationen, dass etwas ein großes Meisterwerk ist und deswegen in die großen Säle gehört. Vor allem, weil man sich ja fast ein bisschen schämen musste, dass in Wien noch nicht gespielt worden war. Heutzutage sind die Argumente ganz andere. Wir haben sehr viele spannende Künstlerinnen und Künstler quer durch alle Generationen im Programm. Es gibt zudem eine Formatvielfalt, von der man 1988 nicht einmal geträumt hätte. Wir machen beispielsweise Spaziergänge durch die waldigsten Teile des Praters, wir haben von ganz großen bis ganz kleinen Produktionen eine unglaublich bunte und widersprüchliche Vielfalt im Programm. So gesehen machen wir es jungen studierenden Leuten, aber natürlich auch alten Leuten – warum nicht –, wirklich so einfach wie möglich, neugierig zu werden und reinzuschnuppern.

Steht das auch in der Planung des Festivals im Vordergrund? Also, dass man auch wirklich versucht, dass für jeden etwas dabei ist?

Günther: Die Vielfalt ist absolut Programm bei Wien Modern, das muss man sagen. Da gibt es Sachen, die extrem unterschiedlich klingen, da sind innerhalb dieses im Großen und Ganzen experimentellen Bereichs totale Bäder im Schönklang genauso möglich wie sehr kratzbürstige Klänge, Multimedia-Experimente genauso wie eine einsame Geige im Mozartsaal. Das ist eins der für mich persönlich besten Argumente für die zeitgenössische Musik: Es wird nicht langweilig, es ist nicht schnell erklärt, und man hat die Chance auf viele tolle Überraschungen.

Ist es deswegen auch das wie Sie sagen »bunteste Programm das Wien Modern je hatte«?

Günther: Unser Thema »Bilder im Kopf« ist natürlich eine Einladung, mal richtig in den Farbtopf zu greifen. Das hat zu tun mit einigen Künstlerinnen und Künstler, die wir im Festival präsentieren und die tatsächlich die physischen Qualitäten der Klangfarben neu austesten. Spätestens in den 1970er Jahren hat das in Paris angefangen. In dieser Zeit war das eine Rebellion gegen die Nachkriegsavantgarde. Die junge Generation hat damals gesagt, dass sie das ganze nicht so akademisch wollen. Deshalb haben sie mit der »Musique spéctrale« ein Feuerwerk der Farben gezündet. Bei Wien Modern hört man das beispielsweise mit Komponisten wie Gérard Grisey, da haben wir unter anderem »Les Espaces acoustiques« im Programm. Oder Hugues Dufourt mit »Burning bright«, bei welchem sechs Schlagzeuger mit hunderten Schlaginstrumenten aus allen Kontinenten auf einer sehr stilvollen und schlichten Bühne über eine Stunde lange eine total neue Welt von Klängen eröffnen. Das ist ein grandioses Erlebnis und man braucht überhaupt keine spezielle musikalische Präferenz, um in diese Klangwelt einzutauchen. Da liegt die Farbigkeit nicht nur im schönen Bühnenbild mit Lichtgestaltung sondern tatsächlich auch darin, dass das eine Musik ist, die sich die Farbe wieder traut, nachdem vorher nicht wenig der zeitgenössischen Musik eine Tendenz zum Technisch-Abstrakten hatte.

Wien Modern 30 © Pentagram Design Berlin

Zeitgenössische Musik ist vor allem bei jungen Leuten eher weniger beliebt. Angenommen ich würde auf die Straße gehen und zehn Menschen zwischen sagen wir 17 und 27 Jahren fragen, was zeitgenössische Musik überhaupt ist. Wie viele wüssten das?

Günther: Viel zu wenige. Genau daran arbeiten wir ja auch gerade. Aber wenn man sich anschaut, wie sich diese Szenen neuerdings entwickeln, dann tut sich da extrem viel, weil die Musik ja auch von jungen Leuten gemacht wird. Wenn man beispielsweise bei uns im Programm schaut: Allein die jungen Ensembles aus Wien und aus Österreich oder auch aus der Schweiz oder Frankreich – das ist eine komplett neue Generation. Und die bringen dann jeweils schon ihre Freundeskreise mit ins Konzert, weil sie selber begeistert sind. Da sieht man, dass sich da tatsächlich gerade etwas ändert. So gesehen ist es ein absolut guter Moment, um sich davon zu überzeugen, dass die neue Musik gerade eine ziemliche Verjüngung durchmacht. Wir haben auch ganz junge Musikerinnen und Musiker, die noch in der Schule sind und die bei dem großartigen Projekt »Junge Musik« mitmachen, wo 15 bis 18-Jährige sich selbst teils sehr schwere Stücke aussuchen und die dann bravourös spielen.

Noch ein anderes Beispiel, ebenfalls mit jungen Musikerinnen und Musikern: Wir bringen für das Claudio Abbado Konzert am 4. November Studierende aus Wien und Paris zusammen. Da gibt es unter anderem ein künstlerisches Experiment, wo die Komponistin Iris ter Schiphorst die Solistin Salome Kammer teilweise in normaler westlicher Kleidung und teilweise kostümiert als verschleierte arabische Frau auftreten lässt. In beiden Outfits singt sie jedoch dieselben Texte. Die Frage hinter dem Projekt ist, welche Filter das in unseren Köpfen auslöst. Das ist eine Debatte, die sehr aktuell und nicht an irgendwelche Altersgruppen gebunden ist – die aktuelle Diskussion um das Verschleierungsverbot geht alle an, ob jung oder alt. Dass Wien Modern sich aktuellen Fragestellungen widmet, ist allein schon deswegen wichtig, weil das Fragen sind, die sich die Künstlerinnen und Künstler in diesem Bereich der Musik täglich stellen.

Ist das auch beim »Das Floß der Medusa« so? Ich habe gelesen, dass viele dieses Stück mit der aktuellen Flüchtlingsthematik in Verbindung bringen und es darauf übertragen.

Günther: »Das Floß der Medusa« hat Henze auf eine historische Geschichte von 1816 bezogen. Da geht es um eine Fregatte, die vor der afrikanischen Küste untergeht. Daraufhin begibt sich, vereinfacht gesagt, die bessere Gesellschaft in die Rettungsboote, und die Mannschaften und Soldaten werden auf einem selbst gebastelten Floß ausgesetzt, wodurch nach ein paar Tagen von 150 Leuten nur noch 15 am Leben sind. Das war damals, kurz nach dem Ende der Französischen Revolution, ein riesiger Politskandal und hat zu Änderungen im Militär geführt.
Henze schreibt dieses Stück 1968, widmet es dem kubanischen Revolutionsführer Che Guevara, und tritt mit seinem ganz unverstellten Appell zur Weltverbesserung einen Riesenskandal los. Die 1968 in Hamburg vorgesehene Uraufführung endet damit, dass der Intendant durch eine Glastür getreten wird. Die eigentliche Uraufführung findet dann 1971 in Wien statt. Wenn ich jetzt aktuell in der Zeitung lese, dass der internationale Währungsfonds sagt, dass die Vermögen auf der Welt zu ungerecht verteilt seien, dann ist das im Grunde eine Analyse, wie sie Henze damals auch schon getroffen hat. Henze wurde damals vom NDR gefragt, ob er denn glaube, dass sein Stück eine aktuelle politische oder gesellschaftliche Bedeutung hat. Er hat das bejaht und hinzugefügt, dass er erreichen will, dass »die ziemlich isolierte und vereinsamte und allein gelassene Jugend eine Art Ermutigung bekommt«. Ich finde es gar nicht so weit hergeholt, dieses Stück heute wieder auf die Bühne zu bringen.

Wegen der aktuellen Situation?

Günther: Ja, es ist in vielfacher Hinsicht aktuell. Einerseits wegen der Bilder der Flüchtlingsboote, aber andererseits ist das, was Henze damals persönlich bewegt hat, nämlich eine Tendenz der Gesellschaft zur Ungerechtigkeit, heute noch nicht aus der Welt. Dass das immer wieder Künstler in diesem Kunstbereich der zeitgenössischen Musik tatsächlich bewegt hat, finde ich, spricht für diese Kunstform.

Die Studenten in Hamburg haben damals auch gegen die Kulturindustrie protestiert, da diese vor allem für ein sozial gehobenes Publikum wäre. Hat sich seit der Uraufführung des Stücks daran etwas geändert?

Günther: Das finde ich schon. Wenn man sich beispielsweise alleine die großen Musik- und Konzertinstitutionen im Klassikbereich in Wien anschaut, dann gibt es da eigentlich keine Institution mehr, die kein Nachwuchsprogramm fährt, die nicht inzwischen Musikvermittlung betreibt, die sich nicht öffnet, die nicht neue Formate, neues Repertoire, neues Publikum für sich als selbstverständlich erachtet. Da hat tatsächlich seit den 1980er Jahren, seit der Gründung von Wien Modern, ein riesiger Öffnungsprozess stattgefunden. Das ist eine noch nicht abgeschlossene Entwicklung. Ich denke, die Institutionenlandschaft wird in dreißig Jahren noch einmal ganz anders aussehen. Ich stelle aber tatsächlich erfreut fest, dass das, was man auf den ersten Blick als »Klassiktempel« erachten könnte, ganz schön weit die Türen aufgemacht hat. Und dazu trägt ein Festival wie Wien Modern bei, denn bei uns gibt es kleine Off-Locations und traditionsreiche, glanzvolle Riesensäle. Dass das beides zusammen gar nicht so unmöglich ist, das zeigt Wien Modern ganz bewusst und mit großem Vergnügen.

Wenn ich jung bin und mich neu mit zeitgenössischer Musik beschäftigen will: Welche Programmpunkte sind am besten für den ersten Kontakt mit dieser Art der Musik geeignet?

Günther: Ich würde mich nicht der Illusion hingeben, dass junge Leute zwischen 17 und 27 Jahren alle den gleichen Geschmack haben. Es gibt tatsächlich extrem unterschiedliche Angebote bei Wien Modern. Wenn man es gerne alternativ und elektronisch mag, dann soll man beispielsweise in den echoraum, ins Rhiz oder auf den TU-Dachboden schauen. Wenn was Visuelles dabei sein soll, weil es das ganze dann doch oft etwas leichter macht, dann ist der Film am 31. Oktober von Abel Gance mit Orchester plus Live-Elektronik von Philippe Schoeller eine richtig gute Wahl, da wird man sicher nicht enttäuscht. Wenn es pures Kopfkino sein darf, wo es nichts zu schauen gibt, dann empfehle ich beispielsweise die Olga-Neuwirth-Produktion »Le encantadas« in der Halle E am 20. November. Da kann man die Augen zumachen und man glaubt, man ist in Venedig, weil das Projekt so eine raffinierte Raumelektronik verwendet – für mich eines der herausragenden Projekte. Es gibt ganz kleine, es gibt ganz große Projekte, und es lohnt sich wirklich, einmal das Programm anzuschauen und tatsächlich auch einmal aufs Geratewohl irgendwo hineinzuspazieren. Wien Modern macht in aller Regel mehr Spaß als man denkt.

Abschließend noch ein paar Zahlen: Wien Modern wurde 1988 zum ersten Mal initiiert und findet in diesem Jahr bereits zum 30. Mal statt. Vom 31. Oktober bis zum 1. Dezember stehen insgesamt 106 Veranstaltungen in 26 Spielstätten in 11 Wiener Gemeindebezirken auf dem Programm. Genauere Informationen zum Programm, Tickets und dem Festival selbst finder ihr hier.

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