Muttersprachenpop – die wichtigsten Veröffentlichungen im Juli 2022

Deutschsprachiges zwischen Euphorie und Kapitulation, zwischen Pathos und Befindlichkeit. Ausgewählt von Dominik Oswald.

Joseph Boys @ Andreas Endermann
© Andreas Endermann

Love A – »Meisenstaat«

Love A © Oliver Jungmann
Love A © Oliver Jungmann

Die Freundschaftserzählung ist ein wichtiges Vehikel im Selbstverständnis einer Band – vor allem einer wie Love A, die bis zuletzt einen Output hatte, die ihresgleichen suchte, vor allem im intellektuellen deutschen Post-Punk mit Betonung auf letzterem. Nach einem verlässlichen Zweijahres-Rhymthus voller Glanzlichter dauerte es dieses Mal ganze fünf, der Abstand zur Band (und dem Bandgefüge) hat aber nicht geschadet, ganz im Gegenteil: »Meisenstaat« ist wieder unverwechselbar Love A, aber die Nuancen – und wir reden ja immer nur von Nuancen, der Teufel im Detail – sind adaptiert worden: Viel Hall, viel Wave, aber andernorts auch wieder viel Shoegaze der britischen Schule, oftmals weicher und – wie man so schön sagt – »poppiger«, dann wieder härter, zielstrebiger und fordernder, aber eben immer auch: Love A. Und selbst das größte Alleinstellungsmerkmal, die Generationenstimme Jörkk Mechenbiers, ist variantenreicher, stellenweise ungewohnt tief. Also ja, die Nuancen sind verändert – an der Dichte an Hits ändert das freilich wenig.


»Meisenstaat« von Love A erscheint am 19.8.2022 via Rookie. Keine Live-Termine in Österreich. Hier kaufen.

Muff Potter – »Bei aller Liebe«

Muff Potter © Kai Bewersdorf
Muff Potter © Kai Bewersdorf

Freudentränen in den Augen aller, die sich schon in den 90ern und Nullern für knackigen Gitarren-Punkrock interessiert haben: Nach knapp 13 Jahren und dem letzten – auf Platz 56 in den deutschen Charts gelandeten – Album »Gute Aussicht« gibt es ein Comeback von Muff Potter, die sich in ihrer ersten Phase den Ruf als versierte Kritiker des Systems mit den Mitteln intelligenter Wutmusik redlich verdienten. Die Geschichte der Reunion ist schnell erzählt: Sänger Thorsten Nagelschmidt, dessen Romane mittlerweile zu jeder gut sortierten WG-Bibliothek zählen, benötigte für eine Lesung zwei Musiker, patsch, die alte Band wieder zusammen. Passt wieder, Tour 2019 ausverkauft, Albumaufnahme. »Bei aller Liebe« – schöner Titel – setzt musikalisch und inhaltlich natürlich, man kann ja nicht aus seiner Haut, an die Großtaten der Vergangenheit an, musikalisches Stichwort, selbst gewählt: »Angry Pop«. Es geht um die Gegensätze des Lebens, weg von Schwarz-Weiß als Denken und Verharren in Filterblasen, es geht um den Hass auf sich selbst und die Optimierung des Selbst oder, wie es in »Ich will nicht mehr mein Sklave sein« heißt: »Humor ist, wenn man trotzdem lacht«.

»Bei aller Liebe« von Muff Potter erscheint am 26.8.2022 via Hucks Plattenkiste. Live Termine: 5.11. Flex Wien. Hier kaufen.

Hotel Rimini – »Die Zeit schlägt mich tot, aber ich schlag zurück« (EP)

Hotel Rimini © Max Threlfall Photo
Hotel Rimini © Max Threlfall Photo

Für gewöhnlich finden Extended Plays an Ort und Stelle eher wenig Raum. Für gewöhnlich, weil erstens: Im August ist es traditionellerweise etwas dünn mit neuen Alben – Ausnahmen finden sich natürlich ober- und unterhalb. Zweitens: Ein Vorenthalten dieses Debüts der Supergroup Hotel Rimini wäre fahrlässig und würde den Anspruch hier unterminieren. Weil: Großartig. Vor allem, weil die im Herbst am Stadtrand von Leipzig 2020 gegründete Gruppe, einen sweet spot massiert, Akupunktur, nämlich: Sie erzählt vom inneren Kampf ums Zurechtfinden in einer Welt, in der mehr von einem erwartet wird als man eigentlich ist oder zu sein bereit scheint. Auszüge: »Deine Freunde stehen im Leben / Du stehst meistens neben dir« oder »Deine Freunde kriegen Kinder, kaufen teures Mobiliar / Du kriegst Anfragen auf Tinder und verschwendest noch ein Jahr« (alle aus dem wundertollen »Hapag & Lloyd«). Dazu verschleppter Indie-Pop, der in seiner entspannten Dringlichkeit sogar jenen von Rubriken-Darling Paul Pötsch (Trümmer) – der auch hier seine Finger im Spiel hat – in den Schatten stellt. Das einzig Ungerechte an »Die Zeit schlägt mich tot, aber ich schlag zurück«: Die Band ist im Herbst für 18 Termine auf Tour – aber eben nicht in Österreich.

»Die Zeit schlägt mich tot, aber ich schlag zurück« von Hotel Rimini erscheint am 12.8.2022 via Hotel Rimini. Keine Termine in Österreich. Hier kaufen.

Molden Strauss Pixner Petrova Randi – »Oame Söö«

Molden Strauss Pixner Petrova Randi © Carmen Brucic
Molden Strauss Pixner Petrova Randi © Carmen Brucic

Nachtrag vom Juli. Dem Molden Ernst wahnsinnig hohen Output bescheinigen zu wollen ist gelinde gesagt die Untertreibung des Jahres. Aber, er macht es sich auch einfach, so vom textlichen: Während die letzten Alben, gerne auch in Kooperation mit etwa Der Nino aus Wien oder Schauspielerin Ursula Strauss oder seiner Partie mit dem Willi Resetarits – wer keine Tränen vergossen hat, dem fehlt das Menschliche –, neben eigenen Stücken auch immer wieder gar wunderbare Coverversionen beinhalteten, macht er sich mit einer neuen Konstellation inhaltlich an österreichische Sagen und Mythen. Gemeinsam mit Ursula Strauss sowie Herbert Pixner, dem Südtiroler Neudenker von dem, was Volksmusik ist und sein kann, sowie Maria Petrova und Manuel Randi werden Geschichten von Wassermännern (»Wossamauliad«), dem Herodes (»Herodes«) oder die Geschichte von König Laurins Rosengarten (»Laurin«) erzählt. Manchmal gar simpel und repetitiv, etwa bei »Ringlringlreia« oder »Rabumm«, die an Kindergartenlieder erinnern oder welche sind, manchmal wieder in der für Molden typischen gütigen, groß- und warmherzigen Erzählung, aber ohne den für die Sagen wiederum typischen erhobenen Zeigenfinger. Passend dazu: Traditioneller Folk in all seinen Ausprägungen, immer wieder mit Glanzlichtern für die Elektrische.

»Oame Söö« von Molden Strauss Pixner Petrova Randi erschien bereits am 29.7.2022 via Bader Molden Recordings. Aktuell keine Live-Termine in dieser Besetzung. Hier kaufen.

Joseph Boys – »Reflektor«

Joseph Boys @ Andreas Endermann
Joseph Boys @ Andreas Endermann

Trust the Hype: Die Düsseldorfer Formation Joseph Boys – Wortspiele im Bandnamen sind immer super! – sind zurzeit die wohl größten Darlings der deutschsprachigen Pop-Intelligenzija, wenn es um Empfehlungen für den Underground geht, quasi Team Scheisse für 2022. Nur: Musikalisch ein bisschen davon entfernt. Wenngleich das Debütalbum »Rochus« aus dem Jahr 2019 sowie die beiden ersten EPs »Fett« und »S_E« (2015 beziehungsweise 2016) noch in sehr stereotypischer Punk-Manier daherkamen, ist »Reflektor« sowohl textlich als auch musikalisch – Achtung: Wortwitz! – reflektierter. Der mittlerweile dringende Post-Punk nagelt Neonröhren mit dem Vorschlaghammer an die Decke, die dort nicht nur in grellstem Licht leuchten, sondern zwangsläufig zerbersten und den Raum verpesten. Ein Bild, das auch die Texte malen, die Systemkritik und die Ablehnung der allgegenwärtigen Gegenwarts-Ohnmacht zum Eckpfeiler ihrer Subversion macht. Oder anders gesagt: »Reflektor« ist ein essentielles Album für dieses Jahr.

»Reflektor« von Joseph Boys erscheint am 5.8.2022 via Flight13. Keine Österreich-Termine. Hier kaufen.


Außerdem erwähnenswert:

Sophia Blenda – »Die neue Heiterkeit«

(VÖ: 19. August 2022)

Sophia Blenda kennt man bislang vor allem von ihrer Gruppe Culk, die vor allem mit dem zweiten Album »Zerstreuen über Euch« groß aufzeigen konnte. Mit ihrem ebenfalls äußerst gelungenen Solo-Debüt hat sich Kollegin Sarah Wetzlmayr auf wunderbare Weise für die aktuelle Ausgabe von The Gap auseinander gesetzt. Kann man hier lesen – und bestimmt auch bald als Solo-Artikel online.

Grotto Terrazza – »Kalte Köstlichkeiten«

(VÖ: 26. August 2022)

Das wunderbare Label Cut Surface ist einer der wichtigsten Katalysatoren für die alternative und experimentelle Szene der Hauptstadt. Auch der jüngste Release von Cold-Waver Grotto Terrazza trifft in Schwarze – emotional und qualitativ. Deutlich mehr darüber kann Ihnen Kollege Sandro Nicolussi erzählen – in der aktuellen Ausgabe von The Gap. Ebenfalls hier lesbar, ebenfalls bald als smartphone-tauglicher Artikel online.

Die bisherigen Veröffentlichungen von Dominik Oswalds Reihe »Muttersprachenpop« finden sich unter diesem Link.

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